Auswertung der Delphin-Beobachtungen

Delphine zu beobachten ist faszinierend!

Falk Viczian

Ihr Spiel, ihr Schwimmstil, ihre Eleganz sind jedes Mal beeindruckend. Die Varianz ihres Verhaltens ist enorm: mal schwimmen sie ruhig im Delphin-Stil in einer Formation in einer kleinen Gruppe, mal schwimmen sie allein. Manchmal schwimmen sie zielgerichtet und nehmen von der SolarWave keine Notiz – dann ist die Beobachtung schnell vorbei. Mit der SolarWave wollen und können wir die Delphine nicht verfolgen.. Nur mit der optischen Reichweite unserer leistungsfähigen Tele-Objektive können wir dann noch etwas „hinterher“ sehen. Manchmal sind sie total verspielt, nehmen sich Zeit für uns, kommen zur SolarWave, schwimmen vor ihren beiden Bugspitzen, wir pfeifen und sie antworten oder auch anders herum. Wer fängt mit dem Spiel an? Wer weiß das schon?

Manche Tiere springen, machen sogar Saltos! Pure Lebenslust – und manchmal steckt da wohl auch Jagdtrieb dahinter: die Delphine können durch das „Fallen auf die Wasseroberfläche“ auch Fischschwärme zusammen treiben – ganz ähnlich wie es eine Gruppe von Schäferhunden macht. Oder eine Gruppe von Cowboys beim Hüten und Zusammentreiben von Rindern.

Können wir die Delphine voneinander unterscheiden? Ja, sicher! Wenn die Delphine „zu uns“ kommen! Wir „verfolgen“ sie grundsätzlich nicht! – anders als die meisten schnellen Delphin-Beobachtungsboote, die oft mit hoher Geschwindigkeit „bei“ und „mit“ den Delphinen die Beobachtungszeit verlängern – und den Delphinen damit wahrscheinlich öfters Stress machen…

Wenn die Delphine zu uns kommen erkennen wir ihre Form, können die Größe abschätzen, erkennen die Gesichtszüge!

Manchmal sehen wir einander gegenseitig in die Augen: ein Blick von einem intelligenten Wesen zum anderen intelligenten Wesen. Dann kann bei den Beobachtern an Bord (uns Menschen) der Eindruck entstehen, dass wir (die Delphine und Menschen) uns gegenseitig „verstehen“ – was die Beobachter im Wasser (die Delphine) von uns, den von ihnen beobachteten Menschen, denken, wissen wir nicht. Manchmal scheinen wir so „interessant“ zu sein, dass die Delphine uns weitere Zeit schenken… Irgendwann gibt es wichtigeres zu tun – und die Delphine suchen sich die nächste Aufgabe, das nächste Ziel…

Und wir sitzen Monate oder sogar fast 7 Jahre (!) später am Schreibtisch und versuchen, die Beobachtungen in iNaturalist.org zu erfassen…

„Zuweilen macht es ja wohl nichts aus, wenn man seine Arbeit auf später verschiebt.“

Aus Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry

Eine Beobachtung in iNaturalist.org wird gekennzeichnet durch: ein Specimen (eine Probe, ein Organismus, ein Individuum) einer Art, Beobachtungs-Ort, Beobachtungs-Zeit und den Beobachter. Die Beobachtung wird dann bestätigt. Vielleicht wird eine neue Identifikation der Art vorgeschlagen, in der Gemeinschaft diskutiert und hoffentlich eine Einigung in der Gemeinschaft der Identifizierenden gefunden – oder auch nicht, wenn die Qualität der Beobachtung nicht sehr gut ist.

https://www.inaturalist.org/observations/73743073

Für die Beobachtung von Schirmalgen erscheinen diese charakterisierenden Informationen auf den ersten Blick als vollkommen ausreichend. Die Spezialistin für Schirmalgen wird hier heftig widersprechen! Denn sobald man sich einlässt findet man die Nuancen, will man verstehen: in welchem Habitat lebt die Alge? Klarheit der Sonnenlicht-Transmission, Spektrum des Sonnenlichts, Nährstoffgehalt des Wassers, Salinität, Temperatur, das Alter der Alge, ihr Gesundheitszustand, … all das verspricht ein besseres Verständnis für die Natur. Und kann dann dazu beitragen, dass wir uns nachhaltiger verhalten – nicht durch Zwang sondern durch Einsicht. Doch vorerst gilt: wir begnügen uns erstmal mit der Möglichkeit, die Beobachtung überhaupt zu dokumentieren und ergänzen alle weiteren Beobachtungsinformationen in unseren Aufzeichnungen.

Beobachtete Schirmalgen

Sobald man sich einlässt…

Beobachtetes Ensemble von Schirmalgen

»Ihr seid nicht wie meine Rose, noch seid ihr nichts«, sagte er. »Niemand hat sich mit euch vertraut gemacht, und ihr habt euch niemandem vertraut gemacht. Ihr seid, wie mir mein Fuchs zuvor gewesen war. Er war nur ein Fuchs wie hunderttausend andere. Aber ich habe ihn zu meinen Freund gemacht und jetzt ist er einzigartig in der Welt.«

AUS DER KLEINE PRINZ VON ANTOINE DE SAINT-EXUPÉRY

Also tragen wir die Beobachtungen in iNaturalist.org ein. Denn…

»Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen«, sagte der Fuchs. »Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich.«

AUS DER KLEINE PRINZ VON ANTOINE DE SAINT-EXUPÉRY

Wir versuchen, uns mit den Delphinen, „vertraut“ zu machen, also sie besser zu verstehen, zu respektieren und Verantwortung für sie zu übernehmen. Auch mit den Schirmalgen sind wir in den letzten Jahren viel vertrauter geworden. Die Schirmalgen, die aussehen wie kleine Sendeanlagen und uns als Zugang in ein anderes Universum erscheinen…

Am 04.07.2014 konnten wir im Ambrakischen Golf mehrere Gruppen von Delphinen beobachten.

Beobachtungen des Großen Tümmlers am 04.07.2014

Für die Identifizierung der einzelnen Tiere haben wir diese auf den Bildern farbig markiert und diese markierten Bilder den Beobachtungen beigelegt.

Farbliche Markierung von einzelnen Individuen bei einer Serie von Aufnahmen

Mit dieser Vorgehensweise ist es bei der Beobachtung relativ leicht, die Zahl der Delphine (4 Individuen) zuverlässig zu bestimmen und die Bilder den einzelnen Individuen zuzuordnen.

Ausblick: „Augmented Reality“ für Delphin-Beobachtungen

„Augmented Reality“ für den Solarboot-Skipper: die über AIS identifizierten Schiffe werden in der Karte oben links und im Video-Bild eingeblendet

Für die Beobachtung der Delphine wäre eine „Augmented Reality“ Unterstützung ideal: also eine Technik, mit der die Tiere automatisch identifiziert und benannt werden können! Diese Technik würde enorm helfen, zu ermitteln, wie viele Tiere sich wo aufgehalten haben. Aber auch, wie sich die Tiere verhalten.

Das Bild zeigt den Blick vom Vorschiff der SolarWave. Das aktuelle Bild der Kamera (Realität, also „reality“) wird direkt ergänzt („augmented“) mit zusätzlichen Informationen , die in das Bild der Kamera sofort eingeblendet werden („augmented reality“). „In Sicht“ sind drei Schiffe: ANIMA, YOLO und GUILTY. Zu den drei Schiffen sind weitere Informationen verfügbar: Flagge (2x Griechenland und 1x UK), Entfernung und Peilung und ihre Geschwindigkeit. Oben links ist eine kleine Übersichtskarte zu sehen mit der aktuellen Blick-Richtung des Beobachters, dem Blick-Winkelsektor und den über AIS (Automatisches Schiffs-Identifikationssystem) identifizierten Booten in der Umgebung.

Grundlage der erweiterten Realität („Augmented Reality“) ist ein beschreibendes Modell der Welt oder eines Ausschnitts der Welt. Die Modell-Informationen werden in die aktuelle Sicht eines Beobachters der Welt eingebettet. Beobachtungen in der realen Welt können ausgewertet werden, um das Modell zu erweitern und zu verfeinern. Dadurch wird der Beobachter integrierter Teil der Welt und übernimmt Verantwortung.

Falk Viczian

Für eine ARO-Beobachtung mit erweiterter Realität (ARO Augmented Reality Observation“) ist es notwendig, dass die verschiedenen Kameras der Beobachter ergänzt werden durch die Bilder einer oder mehrerer Drohnen – aus der Höhe ist es viel leichter, den Überblick zu wahren. Die Aufnahmen werden dann in Echtzeit mit einer Datenbank der bekannten Individuen abgeglichen. Die identifizierten, schon bekannten Tiere werden direkt mit ihrem „Namen“ markiert.

Tierische Persönlichkeiten

Tiere, die noch nicht bekannt sind werden durch ihre identifizierenden Merkmale (primär die Rückenflosse) charakterisiert und können als neues eindeutig identifizierbares Individuum in die Datenbank mit aufgenommen werden. Die Rückenflosse ist für die eindeutige und einfache Bestimmung sehr gut geeignet.

  • Eindeutig ist die Bestimmung weil die Flosse durch Form der Silhouette (schmal…breit, niedrig…hoch, trapezartig…rechteckig…dreieckig, Sichelschwung, …), Konturen (Scharten) und Pigmentierung eine eindeutige Identifikation ermöglicht.
  • Einfach ist die Bestimmung, weil die Rückenflosse sehr häufig sichtbar ist, wenn der Delphin an der Wasseroberfläche schwimmt oder springt

Sie ist damit sozusagen der „Fingerabdruck“ eines Delphins. Niemand würde auf die Idee kommen, dass der Fingerabdruck die Persönlichkeit kennzeichnet. Genauso wenig ist die Persönlichkeit eines Delphins durch seine Rückenflosse bestimmt. Aber so wie man bei maskierten menschlichen Personen von dem Ausdruck der Persönlichkeit nicht mehr viel wahrnehmen kann, so kann der menschliche Beobachter die tierische Persönlichkeit eines Delphins eben nur begrenzt wahrnehmen. Der Delphin maskiert sich zwar nicht, der Mensch ist jedoch von seinen Fähigkeiten her begrenzt und kann deshalb die Persönlichkeit des Delphins nur unzureichend erkennen.

Damit diese Bestimmung möglichst effizient abläuft bekommen die Beobachter an Bord Informationen in ihre ARO Displays (Richtungspfeile) eingeblendet, welche Tiere noch nicht identifiziert wurden. Die bessere Sicht nahe der Wasseroberfläche ermöglicht die eindeutige Identifikation der Flossen und ergänzt die Informationen über die Standorte der Tiere (aus der Auswertung der Drohnen-Luftaufnahme).

Tiere, die eine eindeutige Identifikation bekommen können, können irgendwann auch individuelle Rechte zugestanden bekommen. Das ist eine Voraussetzung für den Schutz der Tiere und ihres Lebensraums. Wer eine Persönlichkeit hat sollte auch Rechte einfordern können.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut“ bleibt weiterhin richtig – die Ergänzte Realität („Augmented Reality“) könnte uns helfen, den langen Weg „sich soweit anzunähern, dass wir uns so vertraut werden und füreinander Verantwortung übernehmen“, etwas zu verkürzen damit wir schneller verstehen, wie faszinierend die Welt um uns ist und wie wichtig es ist, dass wir sie schützen…

AUS DER KLEINE PRINZ VON ANTOINE DE SAINT-EXUPÉRY

Weitere Informationen zu Delphin-Beobachtungen

Wir werden in Zukunft noch einiges über Delphine berichten. Insbesondere zu:

  • Delphine (und andere Lebewesen) als (tierische) Personen mit Persönlichkeit und Personenrechten
    • Erweiterung des Personenrechts im BGB: Neuauslegung und Erweiterung des Begriffs der „natürlichen Person“ auf menschliche und tierische Personen im Gegensatz zu den juristischen Personen
      • Tierschutz
      • Personenschutz
      • Persönlichkeitsschutz
    • Erweiterung des Verfassungsrechts auf das Staatsziel Tierschutz in der Bundesrepublik Deutschland
  • Möglichkeiten, die Beobachtungen weiter zu verbessern
    • Verbesserungen im Beobachtungsverfahren
    • Neue Auswertungen
    • Technische Verbesserungen
    • Möglichkeiten, an Beobachtungen teilzunehmen (in 2021 wahrscheinlich nur remote)
  • Projekt ARO Augmented Reality Observation
    • Entwicklung des Konzepts: „Nachhaltige Gruppen-Beobachtungen remote und live – voll immersiv und mittendrin statt nur dabei“
    • Finanzierung als Crowd-Projekt
    • Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten
    • Umsetzung für die eigenen Beobachtungsprojekte
    • Dokumentation für andere Beobachter als Open Source / Open Innovation

Volkszählung unter Europas Meeressäugern
Wissenschaftler entwickeln neues Konzept für die Zählung von Delphinen
Überlegungen für Schüler und Studenten: wie ermittelt („zählt“) man die Zahl der Delphine?
Untersuchung zur Genauigkeit der Schätzungen von Delphinbeobachtern
WWF: Bedeutung der Delphinanzahl als Indiz für die Gesundheit des Lebensraums

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